tiefgründiges Gespräch
Tipps und Fragen für tiefgründige Gespräche
Single und glücklich
Single und glücklich: 5 gute Gründe dafür [Gastbeitrag]

Kognitive Verzerrung und der Irrglaube des rationalen Denkens

kognitive Verzerrung

kognitive Verzerrung, Denkfehler, Heuristiken, rationale Entscheidungen

Kein Lebensbereich bleibt von kognitiven Verzerrungen (engl. cognitive bias oder cognitive illusions) unberührt. Wir glauben rational zu denken und zu handeln, werden aber in Wirklichkeit durch äußere Einflüsse derart beeinflusst, sodass rationale Entscheidungen oft auf der Strecke bleiben. Das menschliche Gehirn ist darauf trainiert schnelle Entscheidungen zu treffen. Das ist durchaus sinnvoll, denn sonst wären wir mit einer einzigen Überlegung tagelang beschäftigt.

Unser Gehirn ist leider kein Supercomputer, sondern eher praktisch veranlagt, immer auf der Suche nach der schnellstmöglichen Lösung. Dabei greift es auf altbewährte oder bekannt Lösungsansätze zurück (Heuristiken). Aufgrund der immensen Informationsflut, der wir jeden Tag ausgesetzt sind, laufen ein Großteil der Prozesse in unserem Gehirn unbewusst ab. Wann und wo werden wir also durch kognitive Verzerrung in die Irre geführt und können wir überhaupt etwas dagegen tun?

 

Was genau ist nun kognitive Verzerrung?

Darunter versteht man, kurz gesagt, unbewusst fehlerhaftes wahrnehmen, erinnern, urteilen und denken (Fehleinschätzungen). Dies basiert auf begrenztem Wissen und dem Mangel an Zeit, eine rationale, gut überlegte Entscheidung zu treffen.

Das macht durchaus Sinn, denn wir haben nicht die Zeit, über jede Entscheidung stundenlang zu grübeln und das für und wider abzuwägen. Wenn es also nötig ist, eine schnelle Entscheidung zu fällen, schalten wir auf Autopilot.

Unser Gehirn nimmt die ihm zur Verfügung stehenden Informationen und trifft kurzerhand auf Basis bewährter Lösungsstrategien eine Entscheidung. Diese bewährten Denkmuster oder Lösungsstrategien nennt man Heuristiken (Faustregeln). Anstatt lange über eine Entscheidung oder Schlussfolgerung zu grübeln, bedienen wir uns unbewusst dieser Faustregeln.

 

Beispiele für kognitive Verzerrungen:

 

Der Ankereffekt

Bei einem bewusst zu wählenden Zahlenwert werden Menschen durch unbewusst wahrgenommene Umgebungsinformationen beeinflusst.

Anker sind dabei vorliegende Informationen. Dabei ist es unwichtig, ob diese Informationen für die Lösungsfindung relevant sind.

Werden Menschen aufgefordert, eine Zahl zu schätzen und haben kurz zuvor unbewusst eine andere Zahl wahrgenommen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie die zu schätzende Zahl nahe der unbewusst wahrgenommenen Zahl liegt.

 

Im Rahmen einer Studie zum Anker-Effekt von Tversky und Kahneman wurden Probanden aufgefordert an einem Glücksrad zu drehen. Dieses Rad wurde so manipuliert, dass es entweder bei der Zahl 10 oder 65 stehen blieb.

Im Anschluss sollten sie noch einen genauen Schätzwert über den prozentualen Anteil der afrikanischen UNO-Mitgliedsstaaten abgeben.

Die Personen, die zuvor die Zahl 10 als Anker erhielten, schätzten den Anteil auf 25%. Die Vergleichsgruppe mit dem Anker 65 schätze einen 45%-Anteil afrikanischer Mitgliedsstaaten.

 

Obwohl keine logische Verbindung zwischen dem gesetzten Anker (Glücksrad) und des abzugebenden Schätzwertes besteht, werden wir in unserer Entscheidung unbewusst beeinflusst.

 

Der Halo-Effekt

Wir neigen dazu Schlussfolgerungen über unsere Mitmenschen zu ziehen, die auf unvollständigem Wissen basieren. So kann beispielsweise das äußere Erscheinungsbild eines Menschen dazu verleiten, Schlussfolgerungen über seinen Charakter herzuleiten.

Brillenträger gelten eher als intelligent, Anzugträger als erfolgreich, Blondinen als dumm, Übergewichtige als lustig und Großgewachsene als selbstbewusst.

Aber nicht nur optisch wirkt der Halo-Effekt.

Beispielsweise schreiben wir Menschen, die gerne im Mittelpunkt stehen, Führungskompetenz zu oder halten stets gut gelaunte, humorvolle Menschen für vertrauenswürdig.

Treffen wir auf jemanden, der sehr redegewandt und charmant ist, schließen wir auf einen freundlichen Charakter.

 

Wir treffen in unserem Alltag auf viele verschiedene Menschen und haben nicht die Zeit uns über alle Charaktereigenschaften ein Bild zu machen. Deshalb nimmt unser Gehirn Abkürzungen und schließt von den wenigen uns vorliegenden Informationen automatisch auf weitere Charaktereigenschaften.

 

Beim Halo-Effekt unterscheiden wir die positive Wirkung, nämlich den Heiligenschein-Effekt und die negative Wirkung, den Teufelshörner-Effekt.

Je nachdem, ob wir positive oder negative Schlussfolgerungen aus den vorliegenden Informationen ziehen.

 

Der Psychologe Edward Thorndike untersuchte erstmals den Halo-Effekt im 1. Weltkrieg.

Dabei sollten Soldaten durch ihre Offiziere nach Intelligenz, Musikalität, Führungsqualitäten, Aussehen, Charakter und zielgenaues Schießen bewertet werden. Soldaten mit einer guten Körperhaltung und hübschem Aussehen schnitten bei der Bewertung deutlich besser ab. So schlossen die Vorgesetzten aufgrund des guten Aussehens automatisch auf weitere positive Eigenschaften der Soldaten. Gutes Aussehen war demnach repräsentativ für musikalisches Verständnis, Intelligenz und einen angenehmen Charakter.

 

Auf Basis dieser Ergebnisse wurden viele weitere Studien durchgeführt, die das Phänomen vom Halo-Effekt bestätigen. Schöne Menschen gelten automatisch als intelligenter, sympathischer, zufriedener und erfolgreicher.

 

Attributionsfehler

Als Attributionsfehler bezeichnet man die Tendenz, das Verhalten von anderen Personen auf interne Faktoren und das eigene Verhalten eher auf externe Faktoren zurückzuführen. Das bedeutet, dass wir bei der Bewertung von Verhalten anderer Menschen die persönliche Veranlagung über- und den Einfluss der Situation unterschätzen.

Wenn wir beispielsweise von einer unfreundlichen Kellnerin bedient werden, gehen wir automatisch davon aus, dass dieses Verhalten ihren Charakter wiederspiegelt. Externe Faktoren, wie, dass die besagte Kellnerin vielleicht gerade mit privaten Schwierigkeiten zu kämpfen hat (z.B. eine Scheidung von ihrem Mann durchlebt) lassen wir unberücksichtigt.

Situationsbedingte Einflüssen lassen wir bei der Beurteilung außer Acht.

 

In einem entsprechenden Experiment von Jones & Harris wurde Probanden eine Rede über Fidel Castro vorgetragen. Die Probanden wurden in 2 Gruppen geteilt. Der ersten Gruppe wurde mitgeteilt, dass der Redner die Rede selbst geschrieben habe. Der zweiten Gruppe, dass dem Redner die Inhalte des Vortrags vorgegeben wurden. Nach Befragung der Versuchsteilnehmer nahm die erste Gruppe an, dass die Rede auch den Überzeugungen des Redners entsprach. Erstaunlicherweise war das auch die Annahme der zweiten Gruppe, die darüber informiert wurde, dass der Inhalt der Rede vorgegeben war.

Demnach spielen hier die externen Faktoren, nämlich ob der Redner die Rede selbst geschrieben hatte oder nicht, keine Rolle. Die Probanden gingen in beiden Fällen davon aus, dass die Inhalte auch den Überzeugungen des Redners entsprechen.

 

Wir schreiben also selbst dann, wenn uns die situationsbezogenen Einflüsse bewusst sind, oft das Verhalten anderer Menschen auf deren Charaktereigenschaften zurück.

 

Umgekehrt verhält es sich, wenn wir die eigene Person betrachten. Dann gilt schreiben wir beispielsweise Lob und Anerkennung unseren Charaktereigenschaften zu, Kritik hingegen begründen wir situationsbedingt.

Ein Lob vom Chef schreiben wir demnach der eigenen Persönlichkeit zu. Kritik für einen Fehler hingegen wird mit der Situation in der dieser Fehler passierte begründet (Selbstwertdienliche Verzerrung).

 

Barnum-Effekt / Forer-Effekt

Wir neigen zur Bestätigungstendenz oder Bestätigungsverzerrung, indem wir Informationen so interpretieren, dass sie zu unseren eigenen Erwartungen passen.

Beispielsweise bei Horoskopen. Diese sind so vage geschrieben und lassen viel Spielraum für die eigene Interpretation. Demnach können wir aus den Informationen eines Horoskopes immer Schlussfolgerungen für die eigene Person ableiten.

Menschen neigen dazu, nach Informationen zu suchen, die ihre eigene Meinung bestätigen.

 

Dies bestätigte ein Experiment des Psychologen Bertram R. Forer, welcher mit Studenten einen Persönlichkeitstest durchführte. Die Ergebnisse sollten anschließend von den Probanden auf ihre Richtigkeit geprüft und der Wahrheitsgehalt auf einer Skala von 0-5 bewertet werden.

Das Resultat war eine Durchschnittsbewertung von 4,26 – also eine ziemlich genaue Beschreibung der Persönlichkeit jedes einzelnen Probanden.

Interessanterweise wurde aber jedem der Studenten der gleiche zuvor erstellte Text (Testergebnis) ausgehändigt, welcher aus Texten eines Horoskops erstellt wurde.

 

Dieser Versuch wurde seither oft wiederholt und wurde von den Teilnehmern durchschnittlich mit einer Richtigkeit von 4 bewertet.

 

Das angebliche Ergebnis des Persönlichkeitstests von Forer lautete:

„Sie sind auf die Zuneigung und Bewunderung anderer angewiesen, neigen aber dennoch zu Selbstkritik. Ihre Persönlichkeit weist einige Schwächen auf, die Sie aber im Allgemeinen ausgleichen können. Beträchtliche Fähigkeiten lassen Sie brachliegen, statt sie zu Ihrem Vorteil zu nutzen. Äußerlich diszipliniert und selbstbeherrscht, neigen Sie dazu, sich innerlich ängstlich und unsicher zu fühlen. Mitunter zweifeln Sie stark an der Richtigkeit Ihres Tuns und Ihrer Entscheidungen. Sie bevorzugen ein gewisses Maß an Abwechslung und Veränderung und sind unzufrieden, wenn Sie von Verboten und Beschränkungen eingeengt werden. Sie sind stolz auf Ihr unabhängiges Denken und nehmen anderer Leute Aussagen nicht unbewiesen hin. Doch finden Sie es unklug, sich anderen allzu bereitwillig zu öffnen. Manchmal verhalten Sie sich extrovertiert, leutselig und aufgeschlossen, dann aber auch wieder introvertiert, skeptisch und zurückhaltend. Manche Ihrer Erwartungen sind ziemlich unrealistisch.“

 

 

Können wir kognitive Verzerrungen vermeiden?

Da kognitive Verzerrungen unbewusst ablaufen, werden wir sie nie ganz vermeiden können.

Allerdings macht es bereits einen Unterschied, ob wir die Gefahr kennen und uns bewusstmachen, dass wir ihnen ausgesetzt sind, oder nicht.

Schon das Wissen darüber, dass unser Denken hin und wieder auf Autopilot schaltet, kann helfen, unserem Urteil etwas skeptischer gegenüberzutreten und zu hinterfragen.

 

 

Raus aus der Emotion, rein in die Situation

Bevor wir ein Urteil über eine andere Person fällen, sollten wir überlegen, ob unsere Annahmen personenbedingt oder situationsbedingt getroffen wurde. Ist die Person also wirklich unfreundlich und missmutig, wie die Kellnerin im Beispiel zum Attributionsfehler oder hatte sie einfach nur einen schlechten Tag? Überlege, ob das Verhalten anderer Menschen tatsächlich ihren Charakter wiederspiegelt oder vielleicht doch der Situation geschuldet ist.

 

Das Denken überdenken

Langsames (entschleunigtes), anstatt schnelles Denken, hilft dabei, sich einen besseren Überblick zu verschaffen.

Wenn wir nun wissen, dass kognitive Verzerrungen auf unzureichenden Informationen beruhen, dann können wir sie damit umgehen, indem wir Fragen stellen.

Je mehr Informationen und je mehr Zeit uns zur Verfügung stehen, desto geringer ist die Gefahr einer kognitiven Verzerrung.

 

In der Ruhe liegt die Kraft

Wenn wir merken, dass wir gestresst sind und unter Zeitdruck stehen, gilt: „Jetzt erst Recht einen Gang runterschalten.“.

Unter Druck sind wir oft gezwungen schnelle Entscheidungen zu treffen, was zu kognitiven Verzerrungen führen kann, weil unser Gehirn automatisch in den Autopiloten wechselt.

Entschleunigung kann dabei helfen, kognitive Verzerrungen zu vermeiden.

 

kognitive Helfer

In manchen Situationen können wir uns kognitive Hilfsmittel zu Nutze machen. Checklisten können hierbei hilfreich sein, wenn wir unter Zeitdruck stehen, um sicherzustellen, dass wir nichts vergessen. Aber auch kurz inne zu halten und bis 10 zu zählen, holt uns für einen kurzen Moment aus der stressbehafteten Situation und lässt uns Entschleunigung.

Vorbeugend hilft natürlich auch, wenn wir versuchen gar nicht erst in stressige Situationen zu gelangen, die uns zwingen, schnelle und unüberlegte Entscheidungen oder Schlussfolgerungen zu ziehen. Das kannst du verhindern, indem du dein Zeitmanagement im Griff hast und entsprechend planst.

 

Kommentar verfassen