In diesem Beitrag möchte ich dir meine persönliche Geschichte erzählen, wie ich erkannte, dass ich große Schwierigkeiten mit dem Alleinsein habe und welche Schritte ich gegangen bin.

Heute ist Einsamkeit für mich nicht mehr ein negativ behaftete Begriff, sondern ein Plus an Lebensfreude, wenn ich Zeit für mich und mit mir verbringen darf.

Meine persönliche Geschichte:

Eigentlich ein ganz normaler Morgen.

Obwohl ich heute frei habe, stehe ich mit meinem Mann auf und wir beginnen den Tag mit einem gemeinsamen Frühstück.

Nachdem er sich für die Arbeit fertiggemacht hat, bekomme ich ein Küsschen zum Abschied, er wünscht mir einen schönen freien Tag und zieht die Haustür hinter sich zu.

Doch wie die Tür ins Schloss fällt, spüre ich wie sich ein Engegefühl in meiner Brust breitmacht und schnappe nach Luft.

Ich spüre eine innere Unruhe, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Ich bekomme Angst.

Während ich mich umsehe, erkenne wie groß und leer die Räume um mich herum sind.

Ich höre. Nichts. Es herrscht eine beängstigende Stille.

Nun höre ich doch etwas. Meinen Herzschlag. Mein Herz klopft wie verrückt.

Was soll ich tun?

Ich schnappe mir mein Handy, um meinen Mann anzurufen und ihm zu sagen, dass ich gerade einen Herzinfarkt habe.

Oder soll ich doch gleich einen Krankenwagen rufen?

Was kann mein Mann denn schon tun, wenn ich tatsächlich gerade einen Herzinfarkt habe?

Ich setze mich an den Esstisch und versuche zunächst Ruhe zu bewahren, versuche mich selbst zu reflektieren.

Was passiert hier gerade? Ich glaube nicht, dass ich in meinem Alter Angst vor einem Herzinfarkt haben muss…

Nach ein paar Minuten bewusstem ruhigem Atmen, verlangsamt sich mein Herzschlag allmählich und ich stoße einen erleichterten Seufzer aus.

Was war das?

Noch immer habe ich ein ungutes Gefühl, verspüre ein Unwohlsein und eine innere Leere, die ich so noch nicht erlebt habe.

„Hilft alles nichts, ich muss hier raus!“, denke ich, ziehe meine Schuhe an, schnappe mir eine Jacke und verlasse das Haus. Ich laufe los, ohne zu wissen wohin – Hauptsache weg und raus aus dieser Situation.

Nach ein paar Minuten merke ich, wie ich schwer atme, weil ich so schnell laufe, dass ich schon völlig außer Puste bin.

Ich verlangsame meinen Schritt, konzentriere mich auf eine ruhige Atmung und gehe gedanklich zurück in die Situation, die mich gerade so geängstigt hat.

Mein Mann verlässt das Haus und ich bin kurz vor einer Panikattacke?!?!

Ich war alleine. „Aber das bin ich doch ständig.“, überlege ich mir. „Was war diesmal anders?“

Ja, ich bin tatsächlich häufig alleine, aber diesmal gab es ein kleines Detail, das nicht war, wie es sonst ist:

Normalerweise, wenn ich weiss, dass ich zu einer bestimmten Zeit alleine sein werde, fallen mir plötzlich unzählige Dinge ein, die unbedingt noch erledigt werden müssen, wen ich unbedingt besuchen muss, wo ich unbedingt hinfahren muss, um etwas zu besorgen…

All das duldet natürlich keinen Aufschub!

Meine To-Do-Liste für solche Tage ist so lang, dass ich sie unmöglich an einem Tag abarbeiten könnte.

Und auf einmal traf es mich wie ein Schlag ins Gesicht!

„Ich habe ein ernsthaftes Problem mit dem Alleinsein!“

Diese Erkenntnis war erstmal nicht wirklich neu für mich, denn ich war nie gerne alleine.

Das habe ich aber auch nie als problematisch empfunden, denn ich bin einfach gerne unter Leuten. Ein geselliger Typ eben.

Aber diese Situation öffnete mir die Augen!

Ich war zwar oft alleine, hatte aber unglaublich viel zu tun, denn ich musste mich um viele Dinge kümmern, musste viele Besorgungen machen und unbedingt bei der ein oder anderen Person vorbeischauen, weil das jetzt, heute, wirklich wichtig ist und unbedingt erledigt werden musste.

Natürlich ist das alles Quatsch, denn nichts von diesen Dingen musste unbedingt an diesem Tag erledigt werden.

Das weiss ich jetzt, aber damals war mir das nicht bewusst.

An diesem einen besagten freien Tag, hatte ich aber völlig vergessen, meine To-Do-Liste zu füllen.

Und plötzlich war ich mit mir selbst alleine und damit völlig überfordert.

Das Alleinsein

1 Die Betäubung

So ähnlich ergeht es vielen Menschen, wenn sie sich plötzlich mit sich selbst beschäftigen sollen.

„Wie soll das denn aussehen?“

„Was soll ich dann machen?“

„Was kann ich denn mit mir selbst anfangen?“

Solche und ähnliche Fragen werden dann gestellt, weil es irgendwie absurd scheint, sich alleine mit sich selbst zu beschäftigen.

Wir betäuben uns, indem wir uns ständig anderen Reizen aussetzen, um nur uns selbst nicht spüren zu müssen, uns nicht über uns selbst Gedanken machen zu müssen oder nicht in uns hineinhören und hineinspüren zu müssen.

Vielleicht geht es dir ähnlich wie mir, dass du deinen Tag vollpackst mit Aufgaben, ständig Leute um dich herum hast oder dich anderweitig ablenkst, nur um dich nicht mit dir selbst auseinandersetzen zu müssen.

2 Die Bewusstmachung

Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.

In diesem Satz steckt so viel Wahrheit!

Denn, nachdem ich erkannt habe, dass ich hier ein Problem habe, konnte ich mich darauf einlassen und versuchen, bewusst die Einsamkeit zu genießen.

Der erste Schritt ist immer, sich dessen bewusst zu werden, was gerade falsch läuft, bevor man etwas verändern kann.

Wie willst du auch nach einer Lösung suchen, wenn du das Problem nicht kennst?

Mache dir klar, dass du Angst hast!

Erlange Bewusstsein darüber, dass es ein Problem gibt!

Erkenne, dass du daran arbeiten möchtest!

Öffne dich für dich selbst und das was dich erwartet, wenn du nur mit dir bist.

3 Die Kostprobe

Die Einsamkeit ist Zuflucht der ganz Starken oder der ganz Schwachen.

Carl Ludwig Schleich

Bewusst Alleinsein und diesen Zustand von Einsamkeit zu genießen ist nicht einfach, wenn man diese Situation und damit verbundenen Gefühle und Gedanken nicht kennt.

Dennoch, gehe diesen Schritt – es lohnt sich!

Beginne in kleinen Schritten, indem zum Beispiel folgende Rituale hin und wieder in deinen Alltag einbaust, ohne dich dabei ablenken zu lassen.

Packe also dein Handy weg und eliminiere alle Reize, die dich davon abhalten, dich auf dich selbst zu konzentrieren.

  • Genieße ein Getränk in der Sonne. Fokussiere dich auf deine Atmung, genieße die Wärme der Sonne und spüre in dich hinein.
  • Mache einen Spaziergang. Spüre den Boden unter deinen Füßen und beobachte bewusst, wie schnell du läufst und welche Geschwindigkeit dir gerade guttut.
  • Schließe für einen Moment die Augen und spüre, wie kalte Luft durch deine Nase einströmt und erwärmt wieder heraus.
  • Vergewissere dich zwischendurch, ob du gerade im hier und jetzt bist oder in Gedanken in der Vergangenheit oder schon bei der Zukunftsplanung.
  • Halte inne, spüre bewusst deinen Körper und fühle in dich hinein. Sei bei dir – im hier und jetzt.

Spüre in diesen Situationen, wie du dich gerade fühlst (aufgeregt, unruhig, entspannt, voller Tatendrang, …)

Tut dir das, was du gerade tust, gut? Wenn nicht, was könntest du verändern?

Bist du in diesem Moment bei dir? Wenn nicht, komme zurück ins hier und jetzt.

Komme zurück zu dir.

Um im Alltag kurz abzuschalten und dich einige Minuten auf dich zu konzentrieren kannst du diese 2-Minuten-Entspannungsübungen nutzen oder dir einfach hin und wieder eine kleine Auszeit gönnen.

4 Der Genuss

Je häufiger du übst für einen Moment bei dir zu sein und alles um dich herum auszublenden, desto einfacher wird es dir mit der Zeit fallen, dich über einen längeren Zeitraum ausschließlich mit dir zu beschäftigen.

Alleinsein bedeutet nicht Nichtstun, sondern das, was du tust, bewusst alleine und für dich zu tun.

Vorteile des Alleinseins:

  • Du musst keine Rücksicht auf andere nehmen.
  • Du kannst ausschließlich das tun, was du möchtest.
  • Du bestimmst die Geschwindigkeit.
  • Du gibst vor, was wann gemacht wird.
  • Du kannst in Ruhe die Dinge tun, die dir Freude bereiten.
  • Du musst keine Kompromisse machen.
  • Du kannst die Welt für diese Zeit einfach ausblenden.
  • Du hast niemanden um dich, der dich beobachtet oder bewertet.
  • Du kannst dich für einen Moment zurückziehen.
  • Es ist völlig egal, wie du dabei aussiehst

5 Auf Erkundungstour

Nutze die Zeit mir dir alleine, um dich auch mit deinem Innenleben zu beschäftigen, dich mit dir auseinanderzusetzen und dich deinen Gefühlen und Gedanken zu stellen.

Hierfür kannst du wunderbare Entspannungsübungen nutzen, um in dich zu gehen und dich selbst zu spüren.

Konfrontiere dich mit deinen Ängsten, mit deinen Sorgen und mache dir bewusst, was dich beschäftigt.

Aber auch, wofür du dankbar sein kannst, womit du zufrieden bist und was dich gerade glücklich macht.

Tipps für das Alleinsein:

  1. Sei bewusst alleine, genieße die Zeit mit dir und sei dankbar dafür, dass du dir diese Zeit nehmen kannst.
  2. Habe keine Erwartungen, sondern genieße den Moment in dem du einfach nur bei dir sein kannst.
  3. Genieße die Stille und die Einsamkeit ohne den Druck aus deinem Umfeld
  4. Sei dir selbst genug und mache dich nicht abhängig von anderen.
  5. Setze dich bewusst deinen Gefühlen und Gedanken aus. Höre und spüre in dich hinein.

Heute bin ich unendlich dankbar dafür, dass ich diese erschreckende und beängstigende Erfahrung gemacht zu haben, denn ich konnte nur dadurch erkennen, wie schön es sein kann, alleine zu sein.


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